Tag 37 – Fahrt zum Yellowstone Park

Heute fahren wir es bis zum Yellowstone Park, sind ja nur 450 km.

Auf der Karte sehen wir eine kleine Abkürzung, die wir noch nehmen wollen. Das es in der Nacht geregnet hat, braucht man wohl nicht extra zu erwähnen.

Die Abkürzung ist wieder ein kleiner Pass, der über Schotter führt. Aber im Gegensatz zu gestern ist diesmal alles schlammig und rutschig vom Unwetter der letzten Nacht. Wir verlassen daher den Heldenmodus und fahren zurück auf die normale Strasse, da noch einiges an Kilometern vor uns liegt. An einem Rastplatz nach 2/3 der Strecke sehen wir schon die ersten Touristen, die im Bus das gleiche Ziel haben wie wir. Nach 390 km kommen wir in Gardiner an, einer kleinen Stadt am nördlichen Eingang des Parks.

Die Temperaturen sind mittlerweile auf 31 Grad angestiegen, sollten wir tatsächlich noch Sommer erleben? Am Parkeingang zeigen wir unseren Jahrespass für alle Parks der USA und erfahren, dass alle Campgrounds belegt sind.

Das hält uns jedoch nicht ab, es trotzdem zu versuchen. Wir haben Canyon Village in der Mitte des Parks auserkoren 🙂 . Es geht stetig bergan und die Temperaturen fallen wieder.
Ein Blick auf den Höhenmesser lässt uns dann doch erschrecken, wir sind schon auf über 2400 Meter. Nach 60 km sind wir im Canyon Village angekommen. An der Rezeption für die Campingplätze legt Ulli Ihren Hundeblick auf und wir bekommen einen Platz für 2 Nächte. Geplant sind eigentlich drei Übernachtungen, aber wir werden auf den nächsten Tag vertröstet, falls es irgendwelche Absagen gibt.

Auf ebenfalls 2400 Meter über Meeresspiegel schlagen wir unser Zelt auf. Kaum angefangen, fängt es schon an zu regnen. Von den 31 Grad sind jetzt nur noch ein paar wenige übrig geblieben. Der Regen schlägt in Hagel um aber zum Glück sind wir schon geübt und haben das Zelt schnell aufgeschlagen.

… aus Hagel wird wieder Regen und der hält sich die ganze Nacht.

Tag 36 – Lincoln

Berta hat doch etwas gelitten, denn der Hauptständer klappt nicht mehr von alleine ein.

Das lässt sich zwar mit einem Gurt beheben, bestärkt aber unseren Entschluss erst einmal auf der Strasse zu bleiben. Auf der Strasse heisst aber keine grossen Autobahnen sondern möglichst kleine schmale Strässchen. Auf der Karte finden wir eine nette kleine Verbindung Richtung Thompson Falls für die wir uns entscheiden.

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Kaum losgefahren hört auch schon der Asphalt auf und wir fahren schon wieder steil bergan auf Schotter. Zum Glück ist es trocken und der Weg, mehr ist es nicht, halbwegs in Ordnung. Nach einer Weile kommen wir an eine kleine Brücke auf der ein Pferd steht.

Bei genauerem hinsehen erweist sich das Pferd als Elch und versperrt uns den Weg.
Jetzt ganz schnell den Fotoapparat rausholen und den Motor an lassen, falls das Vieh uns Böses will. In aller Ruhe räumt es dann die Brücke und schlägt sich seitlich in die Büsche.

Weiter geht es bergan und auf einer Höhe von rund 1800 Meter erreichen wir die Landesgrenze nach Montana und auch den höchsten Punkt. Erstaunlicherweise ändert sich mit dem Staatenwechsel auch der Schotterbelag. Jetzt geht es recht steil runter, so dass ich zum Teil wieder im stehen fahren muss. Endlich kommen wir in Thompson Falls an und wollen uns eine kleine Pause und etwas zu Essen gönnen.

Ein kleiner Laden namens „little Bear“ gefällt uns spontan und wir halten an und gehen hinein. Im Laden erleben wir einen Zeitsprung von mindestens 30 Jahren in die Vergangenheit. Wir sind die einzigen Gäste und erkennen erst nach einer Weile eine Frau hinter einer Theke. Die ältere Dame hatte wohl Kehlkopfkrebs da sie nur mit Hilfe eines Summers, den sie sich an den Hals hält sprechen kann. Entsprechend schwierig ist die Verständigung. Wir bleiben mutig und fragen nach der Speisekarte. Sie bringt die Karte und sagt sie muss kurz mit ihrem Hund raus Gassi gehen. Kein Problem dann können wir in Ruhe schauen, was es alles gibt.

Als Sie wieder reinkommt, ist sie ganz aufgelöst und erklärt sie hat das Fleisch beim Metzger vergessen hat und bittet uns noch um etwas mehr Geduld. Wir haben Zeit und draussen fängt es zu nieseln an. Jetzt verstehe ich auch die Schilder im Laden, die darauf hinweisen, dass es hier Slowfood gibt und man etwas Geduld mitbringen soll. Endlich kommt Sie zurück und wir können bestellen. Sie zeigt uns noch auf der Karte, dass es bei Ihr keine Fries (Pommes)als Beilage gibt sondern Früchte.

Wir bestellen eine Suppe und ein Sandwich. Als die Suppe kommt, wissen wir auch das wir die richtige Wahl getroffen haben … alles super lecker und nur frische Zutaten. Nach der Suppe bekommen wir noch ein Becher selbst gemachtes Eis als Geschenk des Hauses. Mittlerweile hat sich das kleine Geschäft auch gefüllt und es herrscht rege Betriebsamkeit. Das Sandwich haben wir to go bestellt und bekommen ein riesiges Veggie Sandwich aus selbst gemachter Focaccia und einen grossen Teller Früchte. Wir unterhalten uns noch kurz mit der Chefin über unseren Trip und mit den Worten ,Have fun – this is an order!‘ werden wir ganz herzlich verabschiedet.

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Später finde ich im Internet einen Kommentar, der es treffender nicht ausdrücken könnte „Small place for seating and eating. The service is slow but the food is great. The ice cream is to die for………..You can make your own. Servings are large, so bring your appetite or a friend.“

Weiter geht es Richtung Yellowstone Park, den wir heute sicher nicht erreichen werden aber irgendwo unterwegs werden wir wohl ein nettes Plätzchen finden. Nach 350 km erreichen wir Lincoln, Montana und suchen nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Der kleine Ort ist erstaunlich voll mit Bikern und entsprechend sind auch alle Motels belegt.

Wir erfahren das an diesem Wochenende eine Biker Parade mit  Party startet und Biker aus nah und fern erwartet werden. Im letzten Motel finden wir das letzte Zimmer und sind froh das unser Timing noch gepasst hat. Direkt neben unserem Zimmer grasen in Ruhe zwei Rehe.

Da wir eine anstrengende Fahrt hinter uns haben, ruhen wir erst etwas aus bevor wir erkunden was so an Party läuft. Wir hatten vorher schon eine Stelle entdeckt, in der eine Liveband vor wenig Publikum gespielt hat. Da passt es gut noch etwas zu warten. Gegen 21:30h machen wir uns dann auf den Weg zur Band. Das Publikum hat immer noch nicht zugenommen, ist nur deutlich betrunkener geworden, die Ersten liegen schon am Boden. Für 20 Dollar kann man an einem Whisky Testing teilnehmen und das ganze Wochenende mehr oder weniger frei trinken. Das lassen sich einige nicht entgehen. Vor einem Motel nebenan sitzt ein Biker entspannt auf einem Sessel und vor ihm kniet eine Frau den Kopf tief gesenkt. (Kommentiere ich jetzt nicht weiter, da nicht jugendfrei).

Wir verlassen die Band und gehen noch in einen Saloon um uns ein Bier zu genehmigen.
Auch hier hat der Alkoholpegel schon ordentliche Höhen erreicht. Als auch noch für kurze Zeit der Strom in der ganzen Stadt ausfällt, beenden wir den Abend und gehen ins Motel zurück.

Tag 35 – Clark Fork nach Wallace 170 km offroad

Die Strecke am Vortag hat uns ehrlich gesagt schon etwas stutzig gemacht, da heute 170 km Backcountry Discouvery Routes anstehen. Am Abend habe ich noch etwas im ADVrider Forum recherchiert und gefragt, ob jemand der die Strecke kürzlich gefahren ist, weiss wie der Zustand ist.

Zwei haben sich gemeldet und geschrieben die Strecke wäre OK. Beide sind aber mit kleinen Maschinen ohne Beifahrer und wenig Gepäck gefahren. Zumindest ist die Strecke nicht nach 100 km gesperrt.

Wir kaufen noch etwas Proviant und treffen einen weiteren KTM Fahrer, der zum einen die gleiche Maschine hat wie wir und auch noch die gleiche Strecke fahren möchte.
David ist ein Australier, der schon seit 15 Jahren in Aspen Colorado lebt. Er hat sich zur Aufgabe gemacht alle bekannten Offroad Strecken der USA in einem Jahr zu befahren und dann ein Buch darüber zu schreiben. Er schaut etwas skeptisch als wir ihm sagen, dass wir den Track fahren wollen. Aber da er die letzten zwei Wochen alleine gefahren ist, freut er sich doch als ich vorschlage die Strecke zusammen zu fahren.

Vor allem ist David ein echter Bär. Gross und stark und somit die ideale Hilfe, wenn wir in einem Graben stecken bleiben sollten. Der Weg hat zwar einige Washouts, Schlaglöcher und tiefe Spurrillen durch starken Regen, ist aber insgesamt gut zu fahren. David ist doch erstaunt wie gut wir die Strecke meistern. Es geht vorwiegend durch den Wald, manchmal mit ordentlichen Anstiegen. Immer wieder kommen wir an tolle Aussichtspunkte an steilen Abhängen.

Nach ungefähr der Hälfte machen wir Rast an einem Ranger Stützpunkt, wo es einige komfortable Hütten zu mieten gibt. Natürlich kommen kurz nach dem wir an einer davon angehalten haben, die Mieter und schauen auch etwas mürrisch als sie sehen, dass wir Ihre Gartenstühle belegt haben. Wir schieben die Mopeds etwas zur Seite, um Ihnen Platz für die Zufahrt zu machen. Leider habe ich Berta nicht ganz so ordentlich auf den Seitenständer gestellt und die ganze Fuhre fällt um. Dabei erwischt sie auch noch Ulli, aber zum Glück ohne Verletzungen. Gemeinsam mit Davids Kräften steht das Moped auch gleich wieder und augenscheinlich ohne Schaden.

Weiter geht es durch den Wald zu unserem Tagesziel Wallace. Als wir endlich ankommen, bin ich doch etwas geschlaucht, da ich viele Passagen im Stehen fahren musste und nicht allen Schlaglöchern ausweichen konnte. Wir haben wir ein Motel bereits vorreserviert und nach einem gemeinsamen Abendessen mit David verabschieden wir uns noch und fallen dann erschöpft ins Bett.

Tag 34 – Backcountry Discovery Roads

Heute soll es off Road gehen. Die Backcountry Discovery Roads (BDR) sind Strecken, die über meist nicht asphaltierte Wege oder Trails quer durch das Hinterland führen.

Wir wollen in die Idaho BDR einsteigen und mal schauen wie es so funktioniert. Über die Schwierigkeiten der einzelnen Strecken gibt es keine genauen Aussagen, aber der Idaho Track soll eher einfach sein.

Unsere erste Strecke führt nach Clark Fork, nicht besonders weit von Sandpoint entfernt. Um den Einstieg zu erleichtern, fahren wir nur den Beginn der Route mit Gepäck und wollen dann später über die normale Strasse nach Clark Fork. Dort entladen wir und rollen den zweiten Teil dann ohne Gepäck von hinten auf.

Der erste Teil läuft wie erwartet sehr einfach, Schotterstrassen sind wir bereits hinreichend von Alaska gewohnt. Kaum sind wir in die BDR eingestiegen, kommen wir an einer riesigen Lama oder Alpaca Farm vorbei. Genau einsortieren können wir die Tierli nicht, auf jeden Fall sehen Sie sehr herzig aus (… megahärzig um genau zu sein Anmerkung Ulli ). Es geht nicht sehr lange und wir sind auch schon in Clark Fork angekommen.

Jetzt noch den anderen Teil, aber ohne Gepäck, wobei die Koffer und der Tankrucksack am Moped bleiben. Wieder auf Schotterstrassen geht es in den Wald, wo wir nach wenigen Kilometer ein Schild ‚Road closed’ sehen. So etwas hält aber echte Abenteurer kaum auf. Frohgemut geht’s weiter, die Strasse ist durch zwei grosse Betonblöcke blockiert, aber in der Mitte hat es noch einen schmalen Durchgang (extra für uns).

Weiter geht es und der Weg scheint immer noch normal, nur die Schlaglöcher haben etwas zugenommen. Plötzlich stehen wir vor einem riesigen Loch. Offensichtlich haben hier sehr schwere Unwetter 15m von der Strasse komplett weggespült. Wir halten an und betrachten die Sache genauer. Am Rand gibt es einen Bereich, den ich mit einer kleinen Enduro gut fahren könnte. Nicht lange und mein Entschluss steht fest, das muss auch mit der dicken Berta gehen. Ulli positioniert sich auf der anderen Seite um, falls es doch schiefgeht, zumindest ein paar Fotodokumentationen zu machen. Nicht ganz so elegant wie andere es machen würden, aber ich komme doch einigermaßen gut durch.

Jetzt ist die Strasse wieder uns und wir fahren weiter. Es geht problemlos 300 bis 400 Meter bis ein umgestürzter Baum die Fahrbahn blockiert. Auch hier finden wir eine Umfahrung, diesmal durch den Wald.

Die Weiterfahrt ist aber trotzdem sehr schwierig, der Weg besteht jetzt nur noch aus grossen Steinbrocken. Ulli steigt sicherheitshalber ab und ich prügele unsere Berta auch über dieses Hinderniss. Weiter geht es, aber nicht mehr weit. Diesmal kommt das endgültige Aus. Die Strasse ist wieder komplett weggerissen, aber diesmal so tief, dass ich auch mein Mountainbike tragen müsste. Selbst wenn wir dieses Hinderniss überwinden könnten, wird es sehr wahrscheinlich so weitergehen.

Also alles wieder zurück … prima! Und ich war schon erleichtert, dass ich das erste Hinderniss nur einmal fahren musste. Der Rückweg klappt ebenfalls ohne Stürze und den Weg über die letzte (vorher das erste) Challenge wird sogar von Ulli gefilmt. Alle die den Film sehen und meinen, das ist doch easy, sollen im Hinterkopf behalten, dass wir nur zu zweit sind und das Moped nach einem Sturz kaum aus dem Graben heraus bekommen würden. Aber es ging ja alles gut.

Zurück nach Clark Fork erkunden wir noch die nähere Umgebung und treffen an einem netten Platz am See ein Pärchen auf einer KTM 990 Adventure. Sie erzählen uns, das sie mit dem Wohnmobil unterwegs sind und neben der Adventure auch noch zwei Trial Motorräder auf dem Anhänger mit sich führen. So würden wir uns das auch gefallen lassen.

Tag 33 – Sandpoint

Weiter geht es Richtung Sandpoint. Unserem nächsten Ziel, wo wir in die Idaho Back Country Discovery Routes einsteigen wollen. Die Fahrt ist gleich schön wie zuvor und kurz vor Sandpoint überschreiten wir die Grenze nach Idaho.
Sandpoint ist ein bekanntes Skigebiet und hat sogar ein Schweitzer (Schreibweise à la Idaho) Mountain Ressort. Wir finden ein günstiges Hotel, Ullis Recherchen sind immer die Besten und haben sogar einen Whirlpool gegenüber von unserem Zimmer.

Tag 32 – Quer durch Washington

Obwohl Doug und Penny uns einladen auch noch den 4. Juli – den Independence Day – bei Ihnen zu verbringen, zieht es uns weiter. Wir waren froh, die Nacht in Ihrem tollen Haus verbringen zu können, aber möchten Ihnen nicht zu lange zur Last fallen. Ausserdem gibt es noch die Chance meinen Bruder in San Franzisco zu treffen. Nach einem leckeren Frühstück fahren wir weiter und reisen quer durch den Staat Washington.

Um ehrlich zu sein hatten wir überhaupt keine Ahnung von den nördlichen Staaten der USA. Herrliche Landschaften, Berge, Seen und Flüsse und sehr moderate Temperaturen. Wir fahren den ganzen Tag und landen in Omak einem verschlafenen Nest, mit Tankstelle und Safeway Supermarkt. Dort kaufen wir zwei grosse Steaks für nur 6 Dollar und es gibt sogar Alkohol im normalen Supermarkt zu kaufen. Jeder Staat hat hier seine eigenen Regeln.

Tag 31 – Back in the USA

Wir haben gestern noch neue Nachbarn auf dem Campground bekommen. Zwei Jungs, die mit einem selbstgebauten Liegerad auf drei Rädern quer durch Canada fahren, 4000 Kilometer haben sie schon bis Vancouver gemacht. Stolz zeigen sie uns ein Video, wo sie mit 76 km/h einen Hügel runter fahren, gut dass beide einen Helm tragen.

Wir brechen heute unser Zelt ab und fahren nach Seattle in Washington. Nicht mehr weit vor der Grenze machen wir noch einen Stopp um unsere letzten kanadischen Dollar auszugeben und etwas zu essen. Wir landen in einem vietnamesischen Restaurant in dem ausschliesslich Vietnamesen sind … und wir. Die Bedienung erklärt uns genau was es zu essen gibt, da wir von den meisten Speisen noch nie etwas gehört haben. Wir bestellen Frühlingsrollen in Reispapier mit Shrimps und Schweinefleisch und eine Suppe mit Vermiselli-Nudeln und Meeresfrüchten. Das war echt super und macht Lust auf Vietnam.

Jetzt geht es weiter Richtung Grenze. Wir sehen noch einen Waldbrand, der eine riesige Rauchwolke produziert. An der Grenze stehen wir im Stau. Wir können durch geschicktes Manövrieren ein paar Meter gut machen und endlich sind wir nach ungefähr 30 Minuten dran. Der Grenzer schaut unser Nummernschild an und muss erst einmal in einem Buch nachschlagen, wie er es einzuordnen hat.

Diesmal gibt es keine Fragen nach Guns, sondern nur wie lange wir bleiben wollen, warum und ob wir in der USA arbeiten möchten. Wir verschweigen tunlichst den Apfel den Ulli geschmuggelt hat und auch ein altes Stück Holz, das wir illegal einführen. Hier muss ich eine kurze Erklärung einschieben.

Das Aufbocken unserer Berta mit allem Gepäck war jedes Mal eine echte Herkulesaufgabe. Alleine hatte ich überhaupt keine Chance und ohne Ullis Mithilfe hätten wir sie nie auf den Hauptständer bekommen. Ich habe länger recherchiert und gegrübelt, ob ich nicht den Hauptständer umbauen lassen soll. Am Ende habe ich in einem Forum gefunden, das jemand ein Holzbrett genommen hat um die alte BMW seines Vaters aufzubocken. Die Idee fand ich einen Versuch wert und zufällig habe ich auf dem Campingplatz ein Brett gefunden, das genau richtig war. Jetzt fahren wir mit dem Hinterrad auf das Brett und schon geht das Aufstellen wie von alleine. Die gute alte Physik hilft doch immer wieder.

Holz darf man allerdings nicht in die Staaten einführen, deshalb haben wir unser neues Tool gut unter den Taschen versteckt. Der Zöllner kontrolliert nicht weiter, kommentiert nicht mal den handschriftlichen Eintrag vom letzten Grenzübertritt und schon sind wir in den USA. Wir bleiben auf den grossen Highways und fahren nach Seattle, wo wir Doug und Penny besuchen wollen.

Als wir ankommen, sind wir erst einmal geplättet – eine bessere Lage für ein Haus kann man sich kaum vorstellen. Sie wohnen etwas ausserhalb von Seattle in einem kleinen Ort direkt an der Steilküste mit einem wahnsinnigen Blick auf den Pazifik. Wir werden ganz herzlich begrüsst und dürfen die Nacht im Zimmer einer der beiden Töchter verbringen. Es gibt sehr leckeres Homemade Abendessen und ein gutes Bier … fast wie zu Hause. Doug richtet gerade seine Tourenski, da er ein paar Tage später mit seiner Tochter Brita eine Skitour machen möchte, nur 1 Stunde von Seattle entfernt.

Tag 30 –Whistler, Jumping skills required

Am nächsten Morgen stehen wir zeitig auf und machen uns auf den Weg nach Whistler.

Whistler liegt rund 115 km nördlich von Vancouver und ist auf einer wunderbaren Strasse entlang der Küste gut zu erreichen. Whistler ist ein bekanntes Skigebiet und im Sommer ein Eldorado für Downhill Mountainbiking. Ich buche ein Paket mit Ausrüstung, Downhillbike und einem Guide. Das Mädel aus Holland bei der ich alles buche erzählt mir gleich das im Restaurant über dem Bikeverleih das Spiel Deutschland – Italien live übertragen wird.
Da wir noch etwas Zeit haben, gehen wir gleich nach oben und können das Spiel verfolgen. Auf einer grossen Leinwand wird Zeitgleich Baseball übertragen.
Ich kann die Bedienung aber überzeugen, dass sie das Fussballspiel auf den grossen Bildschirm schalten. Leider immer noch mit dem Ton vom Baseballmatch. Nachdem auch einige andere Gäste reklamieren, bekommen wir auch den passenden Ton zum Spiel dazu. Fussball ist doch populärer in Nordamerika als ich gedacht hatte. Nach dem 1:0 für Deutschland muss ich leider 😉 zum Biken … alles kann man halt doch nicht haben.

Ich habe schon bei der Anmeldung gesagt, dass ich ein expierenced Biker bin und auf gar keinen Fall in irgendeine Anfängergruppe möchte. Nachdem ich mein Bike und alle möglichen Knie und Ellenbogenschützer nebst Integralhelm und Handschuhe bekommen habe, muss ich draussen auf meine Gruppe warten.

Nicht lange und ich werde von einem jungen wilden Typen angesprochen, ob ich der Swiss Guy bin, der schon viel Erfahrung hat. Robbie, der Guide stellt mir Stuart vor, der schon am Vormittag mit Ihm gefahren ist. Auf die Frage ob es ok für mich ist etwas Jumptraining zu machen, muss ich zwar kurz schlucken, aber will natürlich nicht zurückziehen. Stuart beruhigt mich und sagt, dass er auch nicht springen kann, aber am morgen schon Drops von 1- 2 Meter gemacht hat ohne das etwas passiert ist. Sehr beruhigend…

Das schöne beim Downhillbiken ist, dass man ausschliesslich mit dem Skilift bergauf fährt und all seine Kraft und Kondition für das Bergabfahren verwenden kann. Oben angekommen gehen wir als erstes auf eine Anfängerschanze, die nur etwa 1,5 Meter hoch ist. Robbie erklärt wie es funktioniert und eigentlich sieht es recht leicht aus, wenn man es kann. Die ersten Sprünge sind noch etwas zaghaft, aber so langsam habe ich Blut geleckt und springe immer höher und weiter. Leider habe ich die Flugphasen Steuerung noch nicht so ganz im Griff und so geht es nicht lange und nach einem tollen Absprung komme ich in Schieflage und es haut mich ordentlich hin. Zum Glück habe ich brav die ganzen Schützer angezogen, sodass sich der Schaden halbwegs in Grenzen hält und ich nur ein paar Schrammen abbekomme. Noch ein paar Übungssprünge und dann fahren wir die verschiedensten Trails den Berg hinunter. In der Regel sind es Trails die darauf hinweisen das Jumpingskills erforderlich sind. Nebst den Sprungschanzen, die zum Glück immer markiert sind, gibt es etliche Kurven mit Steilwänden in die man sich gefühlt bis in die vertikale hineinlegen kann.

Irgendwann hält Robbie an und sagt da vorne kommt ein Drop. Der ist aber ganz leicht, da man nur sein Gewicht nach hinten verlagern muss. Na prima, so richtig weiss ich aber immer noch nicht was ein Drop ist. Aber bevor ich fragen kann, ist unser Guide auch schon los gefahren. Er hat noch darauf hingewiesen, das man eine gewisse Grundgeschwindigkeit nicht unterschreiten sollte. Ich fahre ihm hinterher, bis er auf einmal verschwunden ist. Als ich an der Kante angekommen bin, weiss ich auch warum. Es geht rund 1,5 Meter senkrecht nach unten, aber fürs Bremsen ist es schon zu spät. Erstaunlicherweise klappt es recht gut und bevor ich nachdenken kann, bin ich schon unten und fahre ohne Sturz weiter.

Als nächstes kommen Roller. Die sind zwar nicht ganz senkrecht, dafür aber umso länger. Diesmal zerbröselt es Stuart, zum Glück aber auch ohne Verletzung.

Ich hätte bestimmt auch ohne Guide fahren können, wäre aber nie auf den Gedanken gekommen, die extremen Strecken zu fahren die wir gemacht haben. Um extrem etwas zu relativieren, unsere Sprünge waren zwar gefühlt ewig hoch und unendlich weit, aber in Wahrheit wohl nie mehr wie 1 bis 2 Meter. Die ganzen jungen Burschen springen zum Teil über 10 Meter weit und mindestens 3 Meter hoch. Aber das wird wohl nicht mehr meine Liga :-).

Nach 3 Stunden mit Guide fahre ich noch eine Runde mit Stuart alleine. Stuart ist aus England, lebt aber auf Maui in Hawaii und arbeitet dort als Astronom. Es ist immer wieder interessant, welche Leute wir auf unserer Reise kennenlernen. Er lädt uns auch ein ihn in Maui zu besuchen, aber leider ist Hawaii kaum mit dem Motorrad zu erreichen. Vielleicht ergibt sich aber noch irgendwann die Möglichkeit. Auf unserer letzten Abfahrt schliesst sich noch Dylan aus Seattle an. Er hat Probleme mit seinen Bremsen und kann deshalb nur noch langsam cruisen … da ist unser Tempo genau richtig für ihn. Dylan hat seine Gopro dabei und verspricht uns die Aufnahmen, die er von uns gemacht hat per Mail zu schicken. Wahrscheinlich sind meine Sprünge dann nur noch 10 cm hoch, aber cool wäre es schon mich mal beim Biken von hinten zu sehen.