Tag 17 – Shit happens on the Alaska Highway

Diesmal verlassen wir Whitehorse endgültig und fahren auf dem Alaska Highway Richtung Süden, 450 km liegen vor uns.

Nach ca. 170 km machen wir einen Tankstop in Teslin Lake und essen eine Kleinigkeit zu Mittag. Auf der Route sind einige Motorräder unterwegs, die aber fast alle nach Alaska fahren wollen. So gibt es bei jedem Stopp immer wieder nette Gespräche mit anderen Bikern.

Als wir in Teslin starten, müssen wir gleich über eine Brücke, die nur einen Gitterrost als Fahrbahn hat. Auf der Brücke verhält sich unsere Berta schon etwas merkwürdig, was wohl dem Gitter zuzuschreiben ist.

Aber auch auf der Strasse lässt das etwas andere Fahrverhalten nicht nach. Jeden Tag wollte ich mal den Reifendruck zu überprüfen, wir sind doch schon über 4000 Kilometer unterwegs. Egal das wird schon halten, heute Abend werde ich aber auf jeden Fall die Reifen kontrollieren.

Wir schaffen noch 30 km, dann passiert es. Bei etwa 100 km/h bricht das Motorrad aus und schleudert wild über die Strasse. Verdammt der Vorderradreifen, mit extrem viel Glück kann ich Berta halten und wir bleiben ohne zu stürzen stehen. Das war wirklich knapp! Ein schneller Check bestätigt die Vermutung, wir haben einen Platten.

Ok, wir haben Werkzeug dabei und einen Ersatzschlauch, ausserdem hat mir Hagen zu Hause ausführlich gezeigt, wie ich den Reifen auf meiner XT500 wechseln muss.

Es halten auch gleich ein paar Biker an, aber ich winke dankend ab, dass kriege ich auch alleine hin. Wir stellen Berta auf den Hauptständer und Ullis Einwand, das Motorrad steht nicht ganz gerade, ignoriere ich.

Das Vorderrad ist schnell ausgebaut und mit dem ganzen Gepäck hintendrauf stand das Rad vorne sowieso in der Luft. Ventil rausgedreht und die Luft herausgelassen, da gibt es einen Schlag.
Berta ist seitlich umgefallen.
SCHEISSE.

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Die geöffneten Koffer haben sich auf die Strasse entleert und ich stehe da wie ein Volltrottel. Wie bekommen wir ein Motorrad ohne Vorderrad wieder auf den Hauptständer?

Zum Glück hält ein Auto und der Fahrer hilft mir die Maschine wieder aufzurichten.
Beim zweiten Versuch klappt es dann endlich. Es sieht so aus, als hätte die Gabel keinen Schaden genommen.

Ulli bleibt jetzt als Sicherung beim Motorrad stehen um einen zweiten Sturz zu vermeiden. Ich mache mich daran den Reifen zu demontieren, aber das geht deutlich schwerer als gedacht. Mittlerweile ist ein Wohnmobilfahrer gekommen und bietet seine Hilfe an. Diesmal nehme ich gerne an.

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Das Felgenband ist gerissen und mit Bills Hilfe umwickeln wir die Felge mit Klebeband um das kaputte Band zu fixieren. Nach ein paar Versuchen haben wir das hinbekommen. Jetzt den Reifen auf einer Seite wieder auf die Felge, auch das geht deutlich schwerer als zu Hause. Es halten immer wieder Leute an und fragen ob sie helfen können. Auf dem Alaska Highway herrscht nicht viel Verkehr, aber alle 5 bis 10 Minuten kommt ein Fahrzeug. Ich stopfe den neuen Schlauch in den Reifen und dann versuchen wir die zweite Seite des Mantels über die Felge zu bekommen.

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Mittlerweile zu dritt wuchten wir an dem Rad herum, aber das Drecksding will nicht mehr auf die Felge rutschen. Da war doch noch was … stimmt wir brauchen Schmiermittel, dafür nehmen wir dann Spülmittel aus unserer Bordküche. Leider sind jetzt auch die Montiereisen so glitschig, dass man kaum noch Kraft anwenden kann.

Ich bin mittlerweile nassgeschwitzt (Ulli bewacht immer noch Berta) und auch schon recht fertig. Irgendwie unter Zuhilfenahme eines Hammers und eines grossen Schraubenziehers von Bill schaffen wir es dann endlich. Der Einbau des Rades geht dann recht schnell. Nur sieht der Reifen noch etwas unrund aus. Egal es wird schon gehen. Ich bedanke mich bei meinen zwei Helfern und sie fahren auch erleichtert weiter.
Jetzt noch eine schnelle Probefahrt und dann soll es weitergehen. Ab ca. 20 km/h fängt das Rad an zu springen, ich habe eine Riesenunwucht.

Während der Probefahrt kommt mir ein Biker mit einem Rallyebike und englischer Zulassung entgegen. Er fragt auch gleich, ob er helfen kann. Ich erkläre, dass ich einen Platten hatte aber jetzt wieder alles gut ist. Kaum ist er weitergefahren denke ich mir, dass das wohl ein Fehler war. Denn er sah aus wie jemand, der schon mehr Reifen geflickt hat.

Zurück bei Ulli, sage ich dass wir wohl nur noch sehr langsam fahren können, aber bis in eine Unterkunft sollten wir es schaffen. Da kommt der Englische Biker zurück und fragt ob wirklich alles in Ordnung ist 🙂

Ich erkläre ihm die Misere und er sagt kein Problem und packt gleich an. Wir lassen noch mal die Luft aus dem Reifen und versuchen den Mantel besser zu platzieren, leider hilft das nicht.
Also schlägt er vor, dass wir das Rad nochmal ausbauen und den Mantel runter nehmen.
Lyndon aus England ist Halbprofirennfahrer, der seit 3 Jahren mit seiner Werksrallyemaschine um die Welt fährt. Dabei nimmt er immer wieder an Rallys teil.
Er will noch schnell zum nördlichsten Punkt Alaskas fahren um dann im Januar in Paraguay bei der Rallye Dakar zu starten.

Er zeigt mir, wie man das Vorderrad ohne Demontage eines Bremssattels ausbauen kann und erklärt wie ein Reifen am besten zu wechseln ist. Mein Schlauch war übrigens verdreht und vom Mantel eingeklemmt. Bei ihm geht das alles ruckzuck und nach einer halben Stunde und vielen hilfreichen Tips und Tricks ist alles wieder fertig montiert. Er schenkt uns sogar noch einen Ersatzschlauch. Ulli dokumentiert alles mit dem Fotoapparat damit wir beim nächsten Mal wissen, was zu tun ist.
Insgesamt 3 Stunden hat uns die gesamt Panne gekostet und ohne Lyndon wären wir wohl kaum 10 km weiter gekommen. Wir werden bei künftigen Reifenpannen noch oft an Lyndons Unterricht denken! 🙂

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Er gibt uns noch seine Webadresse und erzählt, dass er einen Youtubechannel mit  70 000 Followern hat. In uns macht sich Ehrfurcht breit!

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Da er uns auf dem Rückweg von Alaska irgendwo überholen wird, vereinbaren wir uns dann zu treffen, damit wir mit ein paar Bierchen und einem Abendessen unsere Schuld ein wenig begleichen können. Seine Adresse lautet übrigens: www.racestoplaces.com

Weiter geht es auf dem Alaska Highway. Unser Etappenziel Watson Lake liegt noch rund 170 km entfernt. Alle Biker die uns entgegenkommen grüssen, fast wie zu Hause.
Auf einem längeren Stück Schotterstrasse kommt uns dann eine Gruppe mit 20 Harleys entgegen. Diesmal grüsst niemand von den coolen Jungs, wahrscheinlich irgendeine Gang oder einfach die Hosen voll auf Schotter … denkt sich der Ex-Harley-Fahrer Gerhard. Ich gebe Gas, dann müssen sie halt unseren Staub schlucken.

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Kurz vor dem Ziel, sehen wir ein Wohnmobil am Wegesrand halten und wir bleiben auch stehen. Nur 10 Meter von uns entfernt sitzt ein riesiger Grizzlybär im Gebüsch.
Ulli versucht zu fotografieren, aber leider klappt es nicht – egal manche Bilder bleiben auch im Kopf erhalten.

Kurz vor Watson Lake kommt Nugget City, keine Stadt sondern nur ein paar Häuser. Aber ich bin schon so groggy, dass wir hier etwas essen und uns ein Minizimmer für die Nacht nehmen. Oh Mann, what a Day.

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